Datenmonopolschutz

Von Thomas Ramge und Viktor Mayer-Schönberger // Der Kapitalismus tendiert zu Monopolen. Das wusste bereits Karl Marx.

In der Massenproduktion des Industriekapitalismus machte der Skaleneffekt große Unternehmen immer größer. Je mehr sie produzierten, desto billiger wurden ihre Produkte. Seit rund zwanzig Jahren hilft der sogenannte Netzwerkeffekt den digitalen Superstarfirmen Google, Apple, Facebook, Amazon und Co. ihre Datenmonopole zu errichten. Netzwerkeffekte erhöhen den Nutzen digitaler Dienste, je mehr Kunden der Dienst hat. Nationales und europäisches Kartellrecht, das zeigt ein kurzer Blick auf die Marktanteile der digitalen Superstars, ist im Datenkapitalismus zahnlos. Das ist bereits heute hochgradig problematisch aber es wird brandgefährlich für den Wettbewerb, wenn sogenannte Künstliche Intelligenz (KI) in immer mehr Bereichen zum Einsatz kommt. Denn dann beschleunigt zusätzlich zu klassischer Skalierung und der Anziehungskraft der Netzwerke ein dritter Effekt die Marktkonzentration. Wir nennen ihn den Feedback-Effekt.

Dieser Rückkopplungs-Effekt tritt immer ein, wenn Computer-Systeme Feedbackdaten zum Lernen nutzen. Jedes Mal, wenn wir darauf reagieren, wie Google einen Tippfehler in unseren Mails korrigiert, erzeugen wir Feedbackinformationen, die Googles Rechtschreibprüfung weiter verbessert. Die Künstliche Intelligenz von IBM Watson lernt jedes Mal, wenn sie einen Hautkrebs »sieht«, ihre Diagnosefähigkeit zu verbessern. Wenn ein Tesla-Fahrer in einer bestimmten Situation den Autopiloten korrigiert, wird die Künstliche Intelligenz ein bisschen schlauer. Die beliebtesten Produkte und Dienstleistungen werden am schnellsten besser, weil sie mit den meisten Feedbackdaten gefüttert werden. Die Innovation ist gewissermaßen in die Produkte eingebaut was im Umkehrschluss heißt: Innovative Newcomer werden gegen Platzhirschen der KI-getriebenen Wirtschaft nur noch in Ausnahmefällen eine Chance haben. Sich selbst verbessernde Technologie hebelt Wettbewerb aus.

Der Datenkapitalismus braucht neue Formen der Regulierung, die fairen Wettbewerb bei Daten und Datenanalytik sicherstellen. Hierzu schlagen wir eine gesetzliche Innovation vor: die »progressive Daten-Sharing-Pflicht«. Diese sorgt für einen umfangreichen, aber differenzierten Zugang zu Feedbackdaten.

Die Umverteilung von Daten ist nicht nur die geeignete Kartellrechtsmaßnahme für das Datenzeitalter. Sie schützt uns vor Datenmonopolen und den Datenkapitalismus vor sich selbst. Die Pflicht zum Teilen von Daten setzt ein, sobald ein Unternehmen einen bestimmten Marktanteil erreicht, beispielsweise 10 Prozent. Überschreitet ein Unternehmen diese Schwelle, muss es einen Teil seiner Feedbackdaten mit allen Wettbewerbern teilen, die dies wünschen. Dabei darf das Unternehmen die Daten nicht bewusst auswählen, die anderen zugänglich gemacht werden müssen; die Daten müssen in der Regel zufällig gewählt sein, in einigen Fällen können sie auch durch einen neutralen Dritten bestimmt werden. Welchen Prozentsatz seiner Feedbackdaten es verfügbar machen muss, berechnet sich nach dem Marktanteil, den das Unternehmen hält. Je stärker sich ein Unternehmen einer marktbeherrschenden Stellung annähert, desto mehr Daten muss es seinen Konkurrenten zur Mitnutzung zur Verfügung stellen.

Das wird große Unternehmen nicht daran hindern, weiterhin Nutzen aus den von ihnen gesammelten Feedbackdaten zu ziehen und ihre Dienstleistungen und Produkte auf deren Grundlage zu verbessern. Doch durch die Verpflichtung, einen Teil ihrer Daten anderen zugänglich zu machen, wird der daraus gewonnene Nutzen gestreut. Davon profitieren kleinere Wettbewerber und können einem großen Akteur eher Paroli bieten. Darüber hinaus sorgt die Einführung eines progressiven Hebels dafür, dass mit steigendem Konzentrationsgrad kontinuierlich mehr Daten geteilt werden. Diese progressive Daten-Sharing-Pflicht ist ein Feedbackmechanismus als Gegengewicht zum Feedbackeffekt: Je stärker die Konzentration den Wettbewerb gefährdet, umso mehr wirkt die Regelung der Konzentration entgegen.

Unser Vorschlag mag sich auf den ersten Blick wie ein Negativszenario für Datenschützer lesen. Nach dem Motto: Durch Data-Sharing hat dann nicht nur Facebook Zugriff auf meine Daten, sondern auch noch alle anderen Unternehmen im Markt. Natürlich müssen die Daten anonymisiert geteilt werden, auch wenn sie dadurch an Wert für die empfangenden Unternehmen verlieren. Aber es ist höchste Zeit, den Zusammenhang zwischen Datenschutz und Monopolisierung der Datenmacht in den Händen einiger weniger US-Firmen (und in Zukunft ggf. auch chinesischer Unternehmen) zu diskutieren. Der Datenschutz, wie wir ihn kennen, mag dem Nutzer hier und da helfen. Doch die Datenmacht der großen Plattformen hat er bisher nicht beschränkt, sondern im Gegenteil mitunter sogar befördert, indem er der Monopolisierung Vorschub leistete. Dieses Problem werden wir nur lösen, wenn wir neben dem Datenschutz auch die Notwendigkeit der Eindämmung der Informationsmacht großer digitaler Superstars als regulative Notwendigkeit erkennen und damit die Resilienz von Markt und Demokratie sicherstellen.


Thomas Ramge (links) ist Technologie-Korrespondent bei brand eins und schreibt für The Economist. Viktor Mayer-Schönberger (rechts) ist Professor für Internet Governance and Regulation an der Oxford University. Kürzlich erschien im Econ Verlag ihr Buch Das Digital. Markt, Mehrwert und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus. Hardcover, 304 Seiten, 25 Euro.

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.