Datenschutz ohne Ideale

von Martin Giesler // Mark Zuckerberg hat mit Facebook das umfassendste Überwachungssystem in der Geschichte der Menschheit erschaffen.

Mehr als zwei Milliarden Menschen und Millionen von Organisationen, Firmen, Medienhäusern, Verbänden und Parteien nutzen Facebook und füttern die gigantische Datenmaschine mit dem Rohstoff des 21. Jahrhunderts: persönlichen Daten.

Sie übermitteln ihre Wünsche, Sorgen, Bedürfnisse, Ängste und Geheimnisse – alles nur, um Facebook nutzen zu können. Eigentlich ist der Preis unglaublich hoch, doch fühlt es sich nicht danach an. Konkreter: dieser Tausch fühlt sich für die Allermeisten nach gar nichts an. Die Kosten für die Nutzung von Facebook hinterlässt keine sichtbaren Spuren, wie etwa die monatliche Abbuchung für das viel zu selten besuchte Fitness-Studio. Der Tausch passiert geräuschlos, meisterhaft orchestriert von einigen der begabtesten Programmierern und Designern der Welt.

Regelrecht emotionslos übergeben Facebooks Nutzer deshalb einer kalten Maschine ihre wertvollsten Informationen. Vertrauliches Wissen, das sie so geballt nicht einmal ihren engsten Freunden preisgeben würden. Ein bemerkenswert unreflektierter Kontrollverlust.

Doch nicht nur das. Auch all die Verbindungen, Standorte und Interaktionen zwischen den Nutzern werden von Facebook erfasst, katalogisiert und ausgewertet. Ja, sogar von jenen, die gar kein Facebook-Konto haben.

Facebook hat es innerhalb von wenigen Jahren geschafft, zum digitalen Ich von Milliarden Nutzern zu avancieren. Facebook ist so massiv in die tagtägliche Kommunikation eingebunden, dass ein Rückzug aus diesem Netzwerk für die überwältigende Mehrheit kaum vorstellbar scheint. Auch nicht dann, wenn erneut klar wird, dass Facebook selbst nicht komplett garantieren kann, dass all die Informationen, die Nutzer von sich preisgeben, vollumfänglich geschützt sind.

Wo Googles Eric Schmidt einmal dazu riet, einfach nichts zu machen, von dem man nicht möchte, dass es Dritte wissen, suggeriert Mark Zuckerberg, man solle ihm einfach vertrauen. Und die Nutzer folgen ihm.

Und so konnten auch nur Naivlinge und unverbesserliche Optimisten wirklich davon ausgehen, dass der Skandal rund um Facebook und Cambridge Analytica einen Massenexodus der Nutzer zur Folge hätte. Hatte es nicht. Facebook wächst. Legt galaktische Zahlen vor. Punkt.

Die Nutzer zeigen sich von der Datensammelwut des Konzerns mit dem freundlichen Blau nahezu unbeeindruckt. Vielmehr hadern sie mit dem Produkt selbst, was sich in einem veränderten Nutzungsverhalten beobachten lässt – und für Facebook zum eigentlichen Problem werden könnte.

Bereits seit Jahren gibt es gut begründete Hinweise darauf, dass Facebooks Nutzer die App nicht mehr primär für die Zwecke verwenden, für die sie grundsätzlich konzipiert wurde: Facebooks Nutzer posten, teilen und interagieren zunehmend weniger im klassischen Sinne. Vielmehr tummeln sie sich in vermeintlich privaten Gruppen, chatten im Messenger oder produzieren sich auf Instagram.

Dieses veränderte Nutzungsverhalten führt zu einer geringeren Bedeutung des News Feeds, also Facebooks Internet im Internet, respektive dem Platz, an dem Nutzer die Inhalte streng nach Facebooks kommerziellen Interessen sortiert und aufbereitet bekommen. Der News Feed ist aber eben auch genau der eine Ort, an dem Facebook seine unglaublichen Umsätze erwirtschaftet. An keiner anderen Stelle in der App wird derartig intensiv in Werbeplätze investiert.

Die primäre Frage, mit der sich Facebook derzeit konfrontiert sieht, lautet: Wie kann sichergestellt werden, dass Nutzer weiterhin wertvolle Datenspuren hinterlassen, wenn sie nicht mehr selbst Inhalte posten, teilen oder kommentieren? Oder anders gefragt: Wie kann Facebook aus den zwei Milliarden Nutzern Kapital schlagen, wenn sie sich der Idee des News Feeds sukzessive verweigern?

Um diese Frage zu beantworten, wird Facebook nicht müde, kontinuierlich neue Produkte zu lancieren und neue Methoden zu entwickeln, deren einziges Ziel es ist, den Nutzer so oft es geht auf die Plattform zu locken. Was bei den aktuellen Nutzern durchaus noch Aussicht auf Erfolg hat, scheint in der jüngeren Generation ungleich schwieriger. Facebook liegt in der Gunst der Teenager, insbesondere in den USA, abgeschlagen hinter YouTube, Instagram und Snapchat. Zu gering ist die Anziehungskraft, zu wenig überzeugend das Kernprodukt Facebook. Die nächste Generation – so lässt sich derzeit beobachten – kommuniziert lieber bilateral und in etwas geschützteren Räumen (Snapchat), konsumiert lieber anstatt selbst zu produzieren (YouTube / Instagram).

Vielleicht, so mutet es jedenfalls an, bekommt das Thema Datenschutz somit in der Tat durch die Nutzer einen ganz neuen Stellenwert. Aber eben nicht in der Form, wie es von Branchenbeobachtern, Politikern, Wissenschaftlern und den #deletefacebook-Aktivisten antizipiert wurde: Kaum jemand verlässt die sozialen Medien, weil sie zu viele Daten sammeln, sondern weil die Apps, die auf der Grundlage dieser Überwachungslogik konzipiert wurden, einfach nicht länger attraktiv sind.


Martin Giesler begann seine journalistische Karriere beim ZDF (u.a. Frontal 21), bevor er half für SPIEGEL ONLINE die Plattform bento mit aufzubauen. Er gehört zum festen Team von brand eins und betreibt den erfolgreichen Newsletter Social Media Watchblog in Eigenregie. Ihn interessieren vor allem, welche Konsequenzen sich aus dem Siegeszug von Google, Facebook, Amazon, Apple, Twitter und Co ergeben – für Medien, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.