„Die junge Generation ist schrecklich unterrepräsentiert“

von Anette Frisch // Vom 8. bis 10. Juni fand in Berlin die TINCON statt, das Festival der digitalen Jugendkultur. Warum Jugendliche viel stärker als bisher in die Gestaltung der digitalen Zukunft einbezogen werden sollen – darüber spricht Mitgründerin Tanja Häusler.

Wie erklären Sie Erwachsenen die TINCON? Und wie Jugendlichen?

Erwachsenen sagen wir meist: wie die re:publica, aber eben für 13 bis 21-Jährige. Jugendlichen kann man das Konzept einer Konferenz schwer erklären und wenn man’s doch tut, klingt es eher langweilig. Deshalb sagen wir zum einen, worum es geht: Games, YouTube, Politik, DIY, Science, Coding, Lifestyle, Gesellschaft. Und dann sind es die Identifikationsfiguren, die die TINCON für Jugendliche interessant machen. Ohne das Commitment der YouTuber oder anderer Netzheldinnen, die die Zielgruppe schätzt, hätten wir es wohl kaum ins dritte Jahr geschafft.

Welche Ziele verfolgen Sie?

Wir möchten Jugendliche inspirieren, motivieren, befähigen. Wir möchten ihnen den Mut geben, Position zu ergreifen und ihnen zeigen, wie sie ganz konkret etwas bewegen und Teil des öffentlichen Diskurses sein können und wie sie vor allem die digitale Gesellschaft mitgestalten können. Medienkompetenz bedeutet ja nicht in erster Linie, Programmierkenntnisse zu erwerben – ganzheitlich gesehen bedeutet es, Zusammenhänge zu verstehen und zu erkennen, dass zum Beispiel Politik nicht nur das ist, was im Bundestag geschieht. Politik steckt in Games, wenn es um Datenerfassung oder Sexismus geht, oder in Social Media, wo Hate Speech und Manipulation das Leben im Netz gefährden.

Die junge Generation ist schrecklich unterrepräsentiert, trägt vor der älteren eine riesige Verantwortung für die Zukunft, hat aber gesellschaftlich kaum eine Lobby. Die Herabsetzung des Wahlalters wäre noch ein übergeordnetes Ziel, das ich nennen könnte. Wir möchten also den Jungen zu mehr Gehör verhelfen und den Alten Gelegenheit geben, sie anders wahrzunehmen, als es derzeit passiert, wenn über (und nicht selten kritisch), statt mit der Jugend gesprochen wird. In der Digitalisierung der Gesellschaft sehen wir hier große Chancen für einen Paradigmenwechsel, denn die digital aufgewachsene Generation hat nicht selten Erfahrungs- und Wissensvorsprünge, von denen die ältere Generation durchaus lernen könnte. Man muss nur bereit sein, zuzuhören.

Das klingt jetzt alles sehr ernst, deshalb möchte ich ergänzen: die TINCON will vor allem Spaß machen. Auch darauf sollte schließlich jeder junge Mensch ein Recht haben!

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagten Sie, dass die Jugendlichen das Internet komplett anders nutzen als Erwachsene. Was genau ist ganz anders?

Zur konkreten Nutzung würde ich sagen, dass Jugendliche eigentlich nie einen Browser aufrufen, sondern Wissen und Unterhaltung aus YouTube-Videos oder von Plattformen wie Instagram, Twitter oder Tumblr holen. Apps sind eine zusätzliche Quelle, Facebook nutzt fast niemand mehr und Privates wird über WhatsApp getauscht.

Erstaunlicherweise sehe ich gerade eine Bewegung weg von diesen privaten Anbietern, hin zum eigenen Weblog, in dem man Hausrecht genießt und keine unverständlichen AGBs anhaken muss, ob man will oder nicht. Auf der diesjährigen re:publica, die ja ihre Anfänge als Bloggerkonferenz hatte, ermunterte die 20-jährige Nora Wunderwald das deutlich ältere Publikum, ein eigenes Blog zu eröffnen und sich so unabhängiger von den Netzgiganten Facebook, Google und Twitter zu machen.

Wird die Perspektive von Jugendlichen auf das Internet zu selten medial vermittelt?

Ja, aber nicht nur die. Wie gesagt würden wir uns freuen, wenn es zum Beispiel mehr Talkrunden mit jungen Teilnehmern gäbe. Das Netz ist ihr Lebensraum, da sollten sie mitreden dürfen. Gleiches gilt aber auch für alle anderen gesellschaftlichen Themen, von denen sie, wenn nicht jetzt so doch in Zukunft, betroffen sein werden. Warum wird etwa Bildung nie mit Schülerinnen und Schülern diskutiert und neu gedacht, insbesondere wenn es um Digitalisierung im Unterricht geht?

Wenn über Internet und Kinder bzw. Jugendliche in den Medien diskutiert wird, geht es immer wieder auch um Hate Speech oder Cyber Mobbing. Die digitale Welt der Jugendlichen ist negativ konnotiert. Gibt es andere Narrative, die Sie in der Zusammenarbeit mit Jugendlichen erkannt haben und die auch erzählt werden sollten?

Vorab: Die menschenverachtendsten Auswüchse von Hate Speech und Mobbing erleben wir von Vertreten aus Politik und deren Anhängern. Damit ist das Problem unter Jugendlichen zwar nicht verlagert worden, aber gerade sie möchte ich im Zusammenhang mit diesen Phänomenen eigentlich nicht mehr genannt wissen. Die positiven Narrative sind die von Kollaborationen, die das Netz ermöglicht oder zumindest vereinfacht. Es gibt eine junge Start-up-Szene, Hilfe und Unterstützung bei persönlichen Problemen weit über regionale Grenzen hinweg. Und schließlich ist das Netz auch ein Ort, an dem junge Kreative Unterstützung und Inspiration von Profis beziehen können, um selbst etwas zu schaffen.

Das Netz ist gerade für Jugendliche ein Lebensraum, der an vielen Stellen möglich macht, was in der physischen Welt nicht so leicht wäre. Im Übrigen hat Letztere nie an Bedeutung verloren, nicht zuletzt, weil man sich vielleicht im Netz verlieben, aber nicht lieben kann.

Sie und ihr Mann Johnny Häusler sind „alte“ Digitalisierungsfüchse – was lernen Sie in der Zusammenarbeit mit Jugendlichen und was überrascht Sie?

Niemand aus dem Team hat irgendeine pädagogische Ausbildung, weshalb wir vor allem das gesetzte Ziel, mit Jugendlichen zu arbeiten, als echtes Wagnis gesehen haben. Überrascht hat, denke ich, uns alle, wie intensiv insbesondere in den Programmworkshops gearbeitet wird. Wir hatten uns Spiele und dergleichen ausgedacht, die nie zum Einsatz kamen, weil die Jugendlichen nicht aufhören, zu diskutieren und immer neue Themen und Speaker ins Spiel zu bringen. Ich wusste nicht, dass es offenbar reicht, sie ernst zu nehmen. Bei konkret digitalen Themen überrascht, wie weit die Kompetenzen auseinander gehen. Daraus schließe ich, dass diese Themen nie allgemein gelehrt wurden – aber diejenigen, die sich interessieren, dennoch autodidaktisch ein hohes Wissensniveau erreichen können.


Tanja Häusler betreibt zusammen mit ihrem Mann Johnny den mit dem Grimme Preis ausgezeichneten Blog Spreeblick; das Paar hat die re:publica mitgegründet und 2016 die TINCON ins Leben gerufen. Das Festival für digitale Jugendkultur findet vom 8. bis 10. Juni im Columbia Theater in Berlin statt.