Innovation braucht Euphorie, keine Monopole

von Lina Timm // Warum Facebook Innovation verhindert und wie wir alle diese Situation verändern können.

Ziemlich regelmäßig, ungefähr einmal im Jahr, herrscht große Aufregung in den sozialen Netzwerken. Eine Aufregung so wie früher, wenn ein neues Kind in die Klasse kam. „Kennt ihr den schon?“ „Wie ist der denn so?“ An dieser Aufregung kommt niemand vorbei, der zumindest einmal am Tag Facebook, Twitter, Instagram öffnet. Ein neues Netzwerk ist da! Im März 2018 war das „Vero“. „Habt ihr schon gehört?“ „Ich bin jetzt auf Vero!“ „Hast du schon dein Profil angelegt?“ „Und, wie findet ihr Vero so?“

Vor „Vero“ war es „Peach“, vor „Peach“ „Ello“ – der Hype hält ziemlich genau zwei Tage. Der erste halbe Tag ist voller Euphorie, danach starten schon die sarkastischen Kommentare, spätestens am zweiten Tag herrscht Ernüchterung. Wird wohl doch nicht das nächste Facebook.

Warum schafft das eigentlich keiner? Warum gibt es seit Jahren schon kein nächstes Facebook? Die Innovation im Social und Messenger-Markt stagniert, von ein paar wenigen Ausnahmen wie Snapchat oder WeChat im asiatischen Markt abgesehen. Diese Stagnation hat mit mehreren Gründen zu tun und sie hängen alle zusammen. Der Kern: Facebook ist zu groß geworden. Facebook dominiert den Markt, kann aus seiner Portokasse alles kaufen und wer sich nicht kaufen lassen will, wird kaputt kopiert.

Mit dieser Aussicht erstickt Facebook Innovationen im Markt schon im Ansatz. Weil jeder weiß, dass er kaum eine Chance hat, durchzukommen, traut sich keiner. Start-ups trauen sich nicht, neue Ideen auszuprobieren, Investoren trauen sich nicht, ihnen Geld zu geben.

Den Einfluss Facebooks auf die Start-up-Szene spürt nicht nur das Silicon Valley, er reicht bis nach München-Ost, in den Innenhof eines Bürokomplexes, sechster Stock. Wir können ihn hier im Media Lab Bayern spüren. Das Media Lab ist ein Inkubator für Medien- und Journalismus-Startups. Wir fördern Gründer sehr früh, in der Phase, in der sie Ideen entwickeln, Prototypen bauen, Teammitglieder finden und in den Markt starten. Und obwohl zwischen dem Media Lab und Facebooks Zentrale 9500 Kilometer und ein Ozean liegen, merken wir, wie Facebook unsere Arbeit beeinflusst.

Vor einiger Zeit hatten wir ein Team im Media Lab, das es versucht hat. Es wollte einen neuen Social Messenger bauen. Zielgruppe: Alle, denen es suspekt ist, dass Facebook, WhatsApp und Instagram zu einer Firma gehören, ihre Chatverläufe mitlesen und speichern können. Das Konzept des Teams war vor allem darauf ausgerichtet, mit einer kleinen Anzahl guter Freunde in Kontakt bleiben zu können. Und es gab ein paar nette kleine Features.

Im Media Lab bekommen wir häufig Besuch von Medienmanagern, Investoren oder anderen Start-ups. Jedes Mal mache ich mit den Gästen eine Tour durchs Lab. Immer wenn wir am Schreibtisch dieses Teams stehen blieben, hörten sich die Experten die Idee wohlwollend und interessiert an. Am Ende folgte sowas wie: „Na, viel Glück damit!“ Jeder war skeptisch. Auch ich.

Als zuletzt „Vero“ für zwei Tage die sozialen Netzwerke bestimmte, wurde gemunkelt, dass das Start-up vorab mit Influencern Deals geschlossen hätte, um überhaupt durchzudringen. Wer als Start-up keine finanziellen Ressourcen für solche Deals hat – und das hat ja kaum ein Start-up – der schafft es nicht einmal, für zwei Tage relevant zu werden.

Warum ist es so schwierig durchzudringen? Warum können keine 30 Messenger nebeneinander bestehen? Es gibt doch auch zig Automarken und gerade erst schafft es Tesla, cooler zu sein als Porsche. Die Konkurrenz im Automarkt ist riesig und alle verkaufen das gleiche Produkt. Es hat vier Räder und bringt mich von A nach B. Welches Modell ich kaufe, welche Marke ich wähle, das Produkt unterscheidet sich in Details. Hier ist die Tachonadel rot, dort die Lackierung ein wenig blauer als Blau.

 Der Unterschied liegt im Netzwerkeffekt.

Wenn meine Freundin sich einen Audi kauft, kann ich trotzdem Peugeot fahren und wir können unser Produkt gleich gut nutzen. Wenn meine Freundin aber auf WhatsApp ist und ich auf Threema, dann können wir unser Produkt nicht gleich gut nutzen. Soziale Netzwerke funktionieren besser, je mehr Leute dasselbe nutzen. Das verstärkt die Konzentration auf wenige große Netzwerke.

Als Start-up reicht es daher nicht, erst einmal nur einen kleinen Teil von Nutzern zu überzeugen. Wenn ihre Freunde nicht da sind, dann ist das Produkt für sie unbrauchbar. Weil die Gründer das wissen, weil die Investoren das wissen und weil jeder, mit dem sie reden, die gleiche Skepsis hat, geht kaum ein Start-up das Thema an. Denn man würde aus dem Stand gegen Facebook antreten.

Wer möchte sich das antun?

Es gab eine Zeit, da war Facebook noch nicht ganz so gigantisch. Aber Facebook war schon immer clever. Als das Netzwerk gemerkt hat, dass Instagram das mit den Bildern besser kann, kaufte es Instagram. Als die Leute mehr private Nachrichten schreiben wollten und WhatsApp zur Konkurrenz wurde, erwarb es WhatsApp. Heute umfasst der Facebook-Konzern die digitale Kommunikation von 95 Prozent der jungen Internetnutzer – und hemmt Start-ups, hemmt Innovation.

Das Spannende: Solche Momente gab es in der Vergangenheit bereits. Damals, als Microsoft zu groß wurde. Die New York Times hat vor kurzem in einem beeindruckenden Longread noch einmal die Historie der Tech-Giganten zusammengefasst. Den Großteil der 1990er verbrachte die US-Regierung damit, Microsoft für seine Monopolstellung zu verklagen. Und obwohl die Gerichte am Ende zu Gunsten von Microsoft entschieden, veränderte der jahrelange Rechtsstreit und die vielen Zeitungsberichte den Konzern. Bei Microsoft saßen auf einmal Anwälte in Meetings; und weil der öffentliche Druck so groß war, fragten die Microsoft-Entwickler erst einmal in der Rechtsabteilung nach, ob sie das Feature auch bauen dürften.

In diesem Klima wurde ein paar Kilometer weiter südlich ein neuer Wettbewerber immer größer: Google. Während Microsofts Entwickler sich kaum mehr etwas trauten, aus Angst vor einer Klage, konnte Google relativ ungestört den Markt der Suchmaschinen übernehmen und seine Produkte ausbauen.

Aber entstand nicht auch Microsoft einst in einer Garage?

Tatsächlich wiederholte sich hier die Geschichte: 30 Jahre zuvor, 1969, klagte das Justizministerium gegen einen anderen Giganten: IBM. Der Rechtsstreit dauerte 13 Jahre, auch hier gab die Regierung irgendwann auf. Aber in diesen 13 Jahren hörte IBM auf, Hard- und Software nur zusammen zu verkaufen. Auf einmal mussten Start-ups nicht mehr teure Hardware bauen, sondern konnten auch nur mit Software-Programmierung eine Firma aufbauen. Die Software-Industrie entstand – und mit ihr Microsoft.

Sind wir 2018 wieder am Beginn einer solchen Phase? Die Stimmen, dass es so ist, werden lauter.

Facebook musste in diesem Jahr schon einige Anhörungen bestreiten. Vor der US-Regierung, vor dem EU-Parlament. Bislang kam dabei wenig heraus – aber wenn sich die Geschichte wiederholt, könnte Facebook so sehr unter Beschuss geraten, dass sich das Unternehmen gerade nicht so ganz auf Produktinnovationen konzentrieren kann.

Der letzte Messenger, der wirklich groß geworden ist, ist Snapchat. Hier gab es viele Innovationen und Neuerungen, an die bislang noch niemand gedacht hatte: Konsequentes Hochkantformat, selbstlöschende Nachrichten, lustige Overlays. Snapchat hat gezeigt: Produkte, die wirklich neu sind und ein Nutzerbedürfnis befriedigen, die schaffen es auch gegen Giganten. Snapchat wollte sich nicht von Facebook kaufen lassen, deshalb kopiert Facebook nun dreist die Funktionen und baut sie in Instagram ein. Noch ist nicht klar, wie lang sich Snapchat noch halten können wird.

Lernen können wir aus der aktuellen Situation um Facebook Folgendes:

Eine wirklich gute Strategie gegen die Übermacht von Facebook, auf die wir alle Einfluss haben, lautet: Die unterstützen, die sich trauen! Kreative, mutige Gründer, die finden, dass in der Welt der Social Networks noch etwas fehlt. Die eine gute Idee haben, wie wir ein wenig authentischer miteinander kommunizieren könnten. Die vielleicht ein Netzwerk bauen wollen, bei dem sich die Nutzer nicht vor lauter Happy-Go-Lucky-Unrealismus-Urlaubsfotos die meiste Zeit schlecht fühlen.

Wir alle können Gründer unterstützen. Wir können weniger skeptisch sein. Wir können statt viel Glück zu wünschen und weiterzuziehen unsere Hilfe anbieten. Lösungen testen, unsere Ideen einbringen, auch unsere Kontakte und Netzwerke. Ideen nicht schlecht schreiben, über neue Start-ups nicht hämisch twittern, sondern die Macher feiern! Ausprobieren und Feedback geben.

Der Netzwerkeffekt befördert das Monopol von Facebook. Der Netzwerkeffekt kann aber genauso neue Produkte beschleunigen. Innovation braucht Euphorie. Lasst uns mutigen Gründern mehr Euphorie schenken!


Lina Timm ist Managing Director des Media Lab Bayern, welches sich als Vorgründerzentrum versteht und digitale Journalismus- und Medienprojekte von der ersten Idee bis zur Gründung eines Startups begleitet. Es richtet sich an Studenten, Berufsanfänger und Professionals aus den Bereichen Medien, Journalismus, Informatik, Design und Business-Development.