Kein Bock auf Datenschutz?

von Dr. Katja Flinzner // Viele Erwachsene sind mit dem Thema Datenschutz überfordert – oder haben erst gar keine Lust, sich damit zu beschäftigen. Aber wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Unsere Gastautorin Dr. Katja Flinzner geht der Frage in ihrem Kommentar nach.

„Wenn ich dafür gute Unterhaltung bekomme, können die meine Daten ruhig haben“, sagte vor ein paar Monaten ein 15-Jähriger zu mir. Und sprach damit eine traurige Wahrheit aus: Wir bezahlen mit unseren Daten und es kümmert uns kaum. Viel zu selten machen wir uns Gedanken darüber, was damit passiert. Oder darüber, dass mit diesen so anonym klingenden Daten wir persönlich gemeint sind.

Denn wer seine Daten schützt, schützt sich selbst – vor Manipulation, Missbrauch und persönlichen Angriffen.

Kein Thema für Kinder – oder doch?

Mit zwei Jahren erste Tablet-Spielchen, mit sechs fit an der Konsole, mit zehn das eigene Smartphone – Kinder kommen immer früher in Berührung mit der digitalen Welt. Wer sich auf dem Schulhof oder (wenn dort wie so oft Handyverbot herrscht) drei Meter daneben umschaut, stellt fest, dass es kaum noch Teenies ohne Smartphone gibt. SchülerInnen quatschen in der Klassengruppe über WhatsApp, schicken sich Fotos über Snapchat, chatten beim Zocken über Discord, dokumentieren ihr Leben auf Instagram, stellen Videos auf YouTube und bewegen sich in der digitalen Welt meist souveräner als ihre Eltern. Dass sie dabei jede Menge Daten preisgeben, ist den wenigsten bewusst. Und wenn doch, dann ist es ihnen egal.

Ist Datenschutz also wirklich so uncool? Kommt drauf an, wen man fragt – es gibt durchaus Jugendliche, die sehr bewusst mit ihren Daten(spuren) umgehen. Die schütteln auch schon mal ungläubig den Kopf, wenn sie im Chat jemandem begegnen, der sich mit seinem echten Namen vorstellt. Und womöglich auch noch erzählt, auf welche Schule er geht.

Pseudonyme für mehr Privacy

Dass man im Netz nicht seinen Klarnamen verwenden sollte, ist meist das erste, was Kinder in Sachen Datenschutz lernen. Häufig wird diese Ansage aber in Angstszenarien verpackt, die den gesunden Umgang mit dem Netz nicht fördern. Dabei ist es so viel mehr als nur der Schutz vor Kriminellen, was für den Gebrauch von Pseudonymen spricht. Unsere Identität nicht dauerhaft preiszugeben, schützt uns auch davor, für datensammelnde Unternehmen, potenzielle zukünftige Arbeitgeber und auch neugierige Behörden allzu gläsern zu werden.

Was also sollten Kinder und Jugendliche in Sachen Datenschutz beachten?

  • Keine Klarnamen in Chatrooms, Online-Games, YouTube-Kanälen, Instagram-Accounts etc. verwenden, sondern Pseudonyme.
  • Keine persönlichen Informationen preisgeben im Online-Kontakt mit Unbekannten (auch wenn sie sich noch so vertraut anfühlen mögen), etwa Adressen, Telefonnummern oder auch „nur“ die Info, auf welche Schule man geht.
  • Nicht gedankenlos jede App installieren. Gerade bei kostenlosen Programmen gilt: Wenn wir nicht dafür bezahlen, sind wir – bzw. unsere Daten – in der Regel selbst das Produkt.
Screenshot: Twitter
  • Sichere Passwörter wählen. Komplizierte Passwörter, die man sich trotzdem gut merken kann, lassen sich prima über Sätze ableiten: „Auf dem Weg zur Schule komme ich an 5 Briefkästen vorbei!“ wird zum Beispiel zu „AdWzSkia5Bv!“.
  • Eine unpersönliche E-Mail-Adresse einrichten, die den Namen nicht verrät und immer dann verwendet wird, wenn Online-Accounts eine E-Mail-Adresse fordern.
  • Bei jeder Berechtigung, die eine App einfordert, erstmal darüber nachdenken, ob sie wirklich gebraucht wird.
  • Privatsphäre-Einstellungen von Programmen nutzen, um die Datensammelwut einzuschränken und persönliche Informationen vor fremden Blicken zu schützen.
  • Ruhig mal den Datenschutz wichtiger nehmen als Bequemlichkeit. Sich überall über seinen Google-Account anzumelden, führt dazu, dass auch jede Menge Daten bei Google zusammenlaufen.
  • Über Konsequenzen nachdenken, bevor man eine App nutzt, seine E-Mail-Adresse angibt oder einer Gruppe beitritt. Wer etwa bei einer Aktion mit dem Motto „Die größte WhatsApp-Gruppe“ mitmacht, sollte sich darüber im Klaren sein, dass die eigene Mobilnummer dabei an jede Menge Fremde weitergegeben wird. Selten eine gute Idee.

Wer die oben genannten Aspekte berücksichtigt, hat schon viel erreicht. Aber natürlich ist es im Netz wie im „echten“ Leben auch: 100%ige Sicherheit gibt es nicht. Weshalb es umso wichtiger ist, dass der Nachwuchs bei Fragen, Unsicherheiten und vor allem im Ernstfall einen Ansprechpartner hat, der Sorgen und Probleme ernst nimmt.

Wer ist zuständig?

Die Antwort auf diese Frage kann nur lauten: Alle. Eltern. Lehrer. Und die Politik. Wenn Kinder und Jugendliche bewusst mit ihren Daten umgehen, liegt das meist daran, dass ihre Eltern ihnen genau das vorleben. Aber wie häufig passiert das? Selbst wenn das Problembewusstsein da ist – man braucht auch das technische Wissen, um etwa die Datensammelwut von Apps beurteilen, Filter und Schutz-Apps installieren, Browsereinstellungen anpassen oder Datenklau erkennen zu können. Die wenigsten Eltern können das. Und bei den Lehrern sieht das nicht anders aus.

Was also tun?

Gesellschaftlich muss deutlich mehr getan werden, um möglichst viele Eltern und Lehrer für die Problematik zu sensibilisieren und zu informieren. Behörden, Stiftungen, Vereine, Institute und auch die Schulen selbst sind hier gefragt, Informationsangebote zu schaffen.

Dabei sollten diese Angebote schon dort ansetzen, wo es um Grundschulkinder geht, damit der Nachwuchs ein Verständnis für Datenschutz entwickeln kann, bevor er anfängt, den Umgang mit digitalen Geräten und Programmen selbstständig zu gestalten.

Und was können Eltern und Lehrer tun?

  • Sich selber informieren und Datenschutz vorleben. Das gilt für die eigenen Daten ebenso wie für die der Kinder. Wenn die nämlich damit groß werden, dass ihr gesamtes Leben auf Facebook dokumentiert wird, wundert es nicht, wenn sie später mit den eigenen Fotos und denen von Freunden ähnlich bedenkenlos umgehen.
  • Mit den Kindern reden. Und das möglichst bevor sie sich auf dem eigenen Smartphone von Freunden die aktuellen Trend-Apps installieren lassen. Ein bewusster, zurückhaltender Umgang mit Daten funktioniert dann am besten, wenn er von Anfang an dazu gehört.
  • Zuhören und Sorgen ernstnehmen. Wenn die Kinder über ihre digitalen Erfahrungen sprechen: Zuhören. Und wer nicht alles versteht, lässt einfach mal den Nachwuchs erklären.
  • Zum Andersmachen ermutigen. „Aber alle Mädchen in meiner Klasse sind bei Instagram“. Der Gruppendruck, den gerade die sozialen Medien aufbauen, ist immens. Da ist es gut, wenn man schon früh gelernt hat, dass man nicht alles mitmachen muss. Und eigenständig Alternativen gegeneinander abzuwägen und bewusste Entscheidungen zu treffen, hilft auch beim Erwachsenwerden.

Bewusstsein ist alles

Jugendschutz-Apps und Inhaltsfilter können gerade für jüngere Kinder sehr hilfreich sein. Viel entscheidender ist es aber, sie aktiv zu begleiten und ihnen beizubringen, wie sie sich selber schützen können. Dabei gilt es, die richtige Balance zwischen Kontrolle und Vertrauen zu finden und ihnen vor allem eines mitzugeben: das Bewusstsein für den Wert und die Schutzwürdigkeit ihrer Daten. Wenn Kinder gelernt haben, nicht jedes Video anzuklicken und zu den Vorschlägen ihrer Freunde im Zweifel auch einfach mal „Nein“ zu sagen, haben sie davon auch dann noch etwas, wenn sie ganz alleine in die große weite Datenwelt hinausgehen.


Dr. Katja Flinzner schreibt als Fachautorin und Corporate Bloggerin über Themen rund um Web, IT, Online-Handel und Digitale Bildung. Als Mutter von zwei technikbegeisterten Kindern erlebt sie täglich, welche Herausforderungen, aber auch welche Chancen die digitale Welt für unseren Nachwuchs bereithält. Mit ihrem Unternehmen contentIQ arbeitet sie zu den Themen Content Marketing, Internationalisierung und Qualitätssicherung in Web und Print und unterstützt Freiberufler und KMUs mit Einzelberatung oder Workshops zu den Themen Web, SEO und WordPress.