Buchtipp: Reclaim Autonomy

von Anette Frisch // In dem Wirbelwind aus Identitätsfragen, wer wir sind, was uns gehört, ob und wie Facebook uns bestohlen hat, ist es manchmal ratsam, auf die Pausetaste des Medienrekorders zu drücken – und sich einem Buch zu widmen, das einem nützlich sein kann, die verzwickte digitale Welt zu verstehen.

Einige Beiträge der Anthologie „Reclaim Autonomykönnen das. Mit dem Untertitel „Selbstermächtigung in der digitalen Weltordnung“ klingt das grüne Sammelbändchen aus dem Suhrkamp Verlag zwar ein wenig nach 1968er-Geschwurbel – davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen.

Gleichwohl geht es um die großen gesellschaftlichen Fragen: Ist die Demokratie noch zu retten? Haben die digitalen Konzerne zu viel Macht? [sic!] Und wie beeinflusst Technologie unser Denken?

Im Zusammenhang mit der neuen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) ist der Artikel von Wolfgang Hoffmann-Riem lesenswert – auch wenn man keine Datenschutzexpertin ist oder werden möchte. Mit der neuen Verordnung sind Unternehmen verpflichtet, die Einwilligung von Usern einzuholen, bevor sie den Dienst nutzen. Beispielsweise die AGB von WhatsApp, die einen amerikanischen Gerichtsstand zum einzigen für seine Nutzer maßgeblichen erklären. Das Einwilligungsprinzip erwecke den Anschein, als würde die Autonomie der Nutzer respektiert, schreibt Hoffmann-Riem. Das Problem bestehe aber weiterhin: Willigen sie nicht ein, können sie den Dienst nicht nutzen. Damit müssen sich User „unterwerfen, das heißt durch die Einwilligung weitgehend auf wesentliche Teile des sonst maßgeblichen rechtlichen Schutzes verzichten“, schreibt Hoffmann-Riem.

Der Berliner Psychiater Jan Kalbitzer geht in seinem Beitrag unter anderem auf die Psychologie der Geschäftsmodelle von Social-Media-Plattformen ein. Die vor allem darin bestehe, „dass Menschen ihre Selbstbeherrschung verlieren und sich ihren Impulsen hingeben.“ Und von dieser Meinungs- und Mitteilungshysterie würden nahezu alle Online-Portale deutscher Zeitungen profitieren – beispielsweise indem sie auf ihren Startseiten mit Listen meistgelesener Artikel werben. Das beeinflusse die Auswahl der Themen und der Überschriften und befördere die Aufgeregtheit und Zuspitzung der Sprache. „Damit folgen seriöse Medienhäuser in der digitalen Welt mittlerweile genau den Prinzipien, für die sie Unternehmen wie Facebook kritisieren.“

Und klar gibt es in Reclaim Autonomy auch einen Artikel der Godfathers of the Kritik an der digitalen Unvernunft: Die Informatikerin Constanze Kurz und der Hacker Frank Rieger vom Chaos Computer Club erforschen die „Creepy Line“ – im Google-Unternehmensjargon der Ausdruck für die Schwelle, bei der sich eine Vielzahl von Menschen mit einer Technologie unwohl fühlt, sie einen nicht akzeptablen Eingriff in ihre Privatsphäre befürchten und ihnen nicht egal ist, was mit ihren Daten geschieht. Die Brille Google Glass war eine solche Technologie, die mit ihren Überwachungsmöglichkeiten eine zu große Angst bei den Konsumenten erzeugte.

Obwohl Google Glass scheiterte, gibt es keinen Grund, allzu sehr auf den Protest der Masse zu hoffen, wenn es creepy wird. Die Brille war ein Gegenstand, ein Ding, an dem man sich gut abarbeiten konnte. Creepy Lines, die in Verbindung mit Daten, also unsichtbarem Material, überschritten werden, sind viel schwieriger zu erkennen und die Prozesse dahinter nachzuvollziehen. „Die Geschwindigkeit, mit der das passiert, ist so hoch, dass die meisten Menschen gar keine Zeit haben, (…) ein Problemverständnis aufbauen zu können. Es erscheint manchmal fast wie ein Kampf, sich andauernd an neue Funktionalitäten zu gewöhnen und sie ins eigene Leben und Arbeiten integrieren zu müssen.“

Weitere Beiträge von: Primavera De Fililippi, Yvonne Hofstetter, Evgeny Morozov, Saskia Sassen, Daniel Suarez, Shoshana Zuboff; Nachwort Gerhart Baum. Reclaim Autonomy, Selbstermächtigung in der digitalen Weltordnung, Herausgeber Jakob Augstein, Suhrkamp Verlag Berlin 2017, 189 Seiten, 16,00 Euro, ISBN: 978-3-518-12714-8


Anette Frisch ist Journalistin und Filmwissenschaftlerin; sie hat Artikel zu Netzkultur und Wissen geschrieben unter anderem für Spiegel Online und Welt am Sonntag. Auf ihrem Blog www.myspotlessmind.de sammelt die Kunsthistorikerin popkulturelle Fundstücke.