„Da wird vieles gemacht, weil’s geht“

von Anette Frisch // Kixka Nebraska ist Social-Media-Profilagentin. Ihre Mission: Digitale Profile zu analysieren und zu optimieren. Ob sie in Zukunft noch mehr zu tun haben wird – das verrät sie im Interview.

Können Sie Social Media noch uneingeschränkt empfehlen?

Für die professionelle, bewusste Nutzung auf jeden Fall. Es wird auch nicht mehr anders gehen. Ich glaube nicht, dass nach dem Skandal das Rad so zurückgedreht wird, dass Facebook ganz verschwindet. Ich glaube eher, alles Private wird in geschlossenen, geschützten Räumen stattfinden. Die Leute werden mit Sicherheit vorsichtiger werden.

Obwohl Facebook vor dem Skandal doch eigentlich die gegenteilige Strategie fahren wollte. Mehr persönliche Nachrichten im Newsfeed und weniger Posts von Medien oder anderen Anbietern…

Das stimmt. Aber in meinem Umfeld bemerke ich, dass private oder persönliche Postings zurückgegangen sind. Ich schließe daraus, dass derzeit zumindest eine große Verunsicherung herrscht und das Bewusstsein für mehr Datensicherheit gestiegen ist. Trotzdem glaube ich, dass sich die Nutzer nicht komplett abwenden werden. Nach den Aussagen von Zuckerberg vor dem US-Kongress ist der Aktienwert gleich wieder angestiegen. Das Ganze ist ganz schnell wieder kalter Kaffee.

Welche Haltung musst man haben, um mit Social Media bewusst umgehen zu können?

Man muss sich klar machen, dass technisch mehr möglich ist, als wir uns überhaupt vorstellen können. Deshalb rate ich grundsätzlich zu Datensparsamkeit. Das heißt, bevor man irgendetwas nutzt, sollte man die Privatsphäre-Einstellungen durchgehen und für sich passend verändern. Das gilt für alle Plattformen, nicht nur für Facebook. Man kann sich dadurch verschließen, oder eben auch öffnen, wenn man geschäftlich über eine Plattform wie LinkedIn kommunizieren möchte. Dafür muss ich aber lernen, zu differenzieren.

Was bedeutet das genau?

Dazu gehört zum Beispiel das Bewusstsein, dass ich mit jedem Post neu entscheide, für welche Öffentlichkeit ich das eigentlich mache. Für meine engen Freunde, für den erweiterten Freundeskreis oder für die Öffentlichkeit? Da gibt es viele Abstufungen. Außerdem muss man sich angewöhnen, regelmäßig zu überprüfen, wie das Profil von außen betrachtet aussieht. Ich hatte schon Chefredakteure in Seminaren sitzen, die dachten, sie posten professionell, haben aber die ganze Zeit ihre Freunde beschallt. Da gibt es noch jede Menge Verirrungen.

Bei Facebook zum Beispiel gibt es diese Option doch?

Ja, aber das haben die früher deutlich besser gemacht. Das gab’s das Sicherheitsschloss-Symbol und man wusste Bescheid. Jetzt ist die Option schon wieder versteckt, das ist wirklich verrückt…

Man braucht also auch ein gewisses Training?

Meine Empfehlung ist: Beschäftige dich intensiv zwei Wochen mit einem Tool, dann kannst du einschätzen, ob es etwas für dich ist oder nicht. Man muss sich wirklich aktiv hineinbegeben, was immer auch heißt, dass man etwas riskieren muss. Das ist das Spannungsfeld, in dem man sich bewegt. Auch wenn man sich professionell äußert, jeder Post ist Ausdruck der Persönlichkeit.

Was hält Nutzer davon ab, ihre Dateneinstellungen so vorzunehmen, dass die Privatsphäre geschützt ist?

Ich glaube, das hat damit zu tun, dass heutzutage digital alles instant, also sofort da und verfügbar sein soll. Das ist inzwischen so selbstverständlich geworden. Wenn es darum geht Hürden zu nehmen, dann geht es immer um die Frage, wo ich die möglichst schnell überwinden kann. Das wird mit der neuen Datenschutzgrundverordnung genauso sein. Keiner wird da etwas durchlesen, alle werden sich schnell durch die Bestätigungsaufforderungen klicken. Das ist das menschliche Phlegma. Der Mensch ist dahingehend konditioniert und Social-Media-sozialisiert: Man setzt schnell Häkchen, denkt, die wissen ja eh alles von mir, und ignoriert damit die Konsequenzen.

Haben Sie eine Idee, wie sich das Datenschutzphlegma ändern ließe?

Ich denke, die Gamifizierung des Themas könnte helfen. Über das Spielerische werden einem die Zusammenhänge klar gemacht und das Bewusstsein für Datenschutz geschärft. Die goldene Lösung gibt es allerdings noch nicht, sonst hätten wir sie schon. Ob es am mangelnden Interesse der Industrie liegt, die Nutzer im weitesten Sinne zu bilden oder an den Kosten, die mit einer spielerischen Aufklärung verbunden wären, kann ich nicht einschätzen.

Hat Sie der Facebook Skandal eigentlich überrascht?

Vielleicht das Ausmaß, aber im Grunde eigentlich nicht. Da wird vieles gemacht, weil’s geht.


Foto: Rieka Anscheit

Kixka Nebraska ist Mitgründerin des Netzwerks Digital Media Women. Sie gibt ihr digitales Wissen seit zehn Jahren in Workshops unter anderem bei der Akademie für Publizistik weiter. Außerdem hält sie Vorträge, z.B. auf der PrivacyWeek in Wien und der re:publica in Berlin.